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Die Kleingartenanlage am Eichert - das arbeitsreiche Jahr 1908

Von den auf dem Schindangerberg (Schindanger = Abdeckerei) gelegenen Grundstücken des Bäckermeisters Schöniger konnten 3 Scheffel Feld, das sind rund 8250 m², auf 15 Jahre gepachtet und im Mai 1907 zu kleinen Gärten aufgeteilt werden.

Diese erste Gartenanlage erstreckte sich oberhalb des Hausgrundstückes Abt. 15 e bis zur ehemaligen Gaststätte "Gartenlaube", heute Solinger Straße. Sie bestand aus 63 Gärten von 100 - 130 m² und 13 Doppelgärten. Dazu kam ein Luftbad, dem damaligen Sittenkodex entsprechend für Damen und Herren getrennt, ein Kinderspielplatz und im Jahre 1910 auf der erweiterten Pachtfläche eine hölzerne Unterkunftshalle mit Kantine und Kegelbahn, "Frischhütte" genannt.

Die gesamte Anlage umfaßte nun 11.000 m², war eingezäunt und kostete dem Verein 8.318,00 Mark. Der Verein zählte 1910 bereits 225 Mitglieder und die Errichtung weiterer Gärten war nur eine Frage der Zeit.

Durchblättern wir aber die Versammlungsprotokolle aus den Jahren 1906 bis 1912, so muß der Eindruck entstehen, daß die Mitglieder nicht allzuviel Interesse an ihrem Vereinsgeschehen hatten. Mehrere Male beklagt der Vorstand den mangelhaften Besuch der Versammlungen.

Nachdem um 1908 und später die meisten Mitglieder Pächter eines Kleingartens geworden waren, überwog das Interesse für die Bodenbearbeitung, die Freude an schönen Blumen und die Ernte von Obst und Gemüse als Zuschuß für die Ernährung der Familie und verdrängte damit die früheren Vereinsideale.

Die weitere starke Nachfrage nach Kleingärten veranlaßte den Vereinsvorstand, sein Augenmerk dem Grundstück oberhalb, also links der Bockauer Straße, zuzuwenden. Dieses Gelände war bewaldet und nach Verhandlungen mit der Oberforstmeisterei Schwarzenberg konnte ein Teil davon pachtmäßig übernommen werden. Das war im Jahre 1914.

Wir finden nirgends einen Niederschlag der politischen Ereignisse dieser Zeit. Ein großer Teil der Schrebergärtner glaubte unpolitisch sein zu können und am Gartenzaun hörte bei vielen das Interesse für das Geschehen in der Welt auf.

Als aber im Juni 1914 das Attentat auf den Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich geschehen war, folgte der Mobilmachung in Österreich und Rußland am 1. August die deutsche Kriegs-erklärung an Rußland.

Die nun folgenden 4 Jahre eines unerhörten Völkermordens brachten für die Werktätigen Not, Hunger und für 1.800.000 deutsche Soldaten den Tod.

Aus unserer Heimatstadt Aue, die um diese Zeit 19.000 Einwohner zählte, erlitten 591 Männer den "Heldentod". Der militärische Zusammenbruch und die Erschöpfung der wirtschaftlichen Ressourcen beschleunigte die Entwicklung der politischen Krise.

Der Aufstand der Kieler Matrosen, am 3. November 1918, war das Signal zum Ausbruch der Novemberrevolution in Deutschland.

Kehren wir zum Geschehen in unserem Naturheilverein Aue I zurück:

Noch im Herbst 1914 konnte Wald abgeholzt und das neue Pachtgelände mit großer Mühe eingeebnet und urbar gemacht werden, so daß es vielen Mitgliedern möglich wurde, zu den rationierten Lebensmitteln vor allem Kartoffeln und Gemüse zusätzlich zu erbauen. So lesen wir in einem Jahresbericht des Schriftführers Anton Ittenson: "Als ich ca. 2 Jahre danach (1916) einmal im Herbst von Rußland auf Urlaub kam, war es für mich eine große Freude, als mir meine Frau
2 Ztr. Kartoffeln zeigte und mit Stolz sagen konnte - diese Kartoffeln habe ich von meinem Waldgrundstück geerntet."

Da während des Krieges auch noch Feldgrundstücke am oberen Bechergut vom Verein gepachtet und aufgeteilt wurden, stieg die Zahl der Mitglieder außerordentlich an. Allein im Gartenjahr 1918 erfolgten 75 Neuaufnahmen und kaum Abgänge, so daß 1919 mit ca. 620 die höchste Mitgliederzahl erreicht wurde. Auffallend ist, daß sich unter den Zugängen immer wieder Geschäftsleute oder Gewerbetreibende befanden.

In der Generalversammlung vom 9. März 1919 wurden u. a. folgende Anträge zur Abstimmung gebracht:
Austritt aus dem "Bund für naturgemäße Lebens- und Heilweise, Sitz Berlin" und aus der 1911 unter maßgeblichem Einfluß des Naturheilvereins I gegründeten "Obererzgebirgischen Bundesgruppe", um die Bundessteuer von ca. 600 RM zu sparen. Diesem Antrag wurde mit Mehrheit entsprochen.
Abgelehnt wurde die von den Gartenpächtern verlangte "vollkommen selbständige Geschäfts- und Kassenverwaltung unter Wegfall der Bevormundung durch den Vereinsvorstand". Gleichzeitig befürwortete man die Bildung einer Einkaufsgenossenschaft des Bezirksobstbauverein Schwarzenberg und Umgebung, eines Vereins, mit dem schon vorher Lieferbeziehungen bestanden.

Im Herbst 1919 wurde die Anlage durch ein weiteres Waldgrundstück in der Nähe der Eichert-Siedlung erweitert. Die letzte und bedeutendste Vergrößerung der Anlage wurde im Herbst 1923 vorgenommen. Es ist das der Stadt zugelegene, sehr steile und steinige Waldgelände, das pachtweise vom Rat der Stadt Aue erworben und in mühseliger Arbeit urbar gemacht wurde. Dabei mußten Spuren früherer Bergwerkstätigkeit beseitigt werden, so z.B. das Zuschütten eingebrochener Stollen, einebnen von Reithalden usw. Die damaligen Pächter dieses Landes waren wahrhafte Kulturpioniere, denen man größte Anerkennung und Hochachtung entgegenbringen muß.

Mit diesen Erweiterungen des Vereinsgeländes war die Anlage auf 120.000 m² angewachsen. Mit einem Bestand von 4.000 Obstbäumen dürfte sie eine der größten in Südwestsachsen geworden sein.